Interview mit Ruth Winkelmann

Vorbemerkung: da wir beide im Turnverein Waidmannslust (TVW) sind, ist es für Ruth eine
Selbstverständlichkeit, dass wir uns duzen.

Ich bin geboren am 08.09.1928 im jüdischen Krankenhaus in Berlin Wedding. 1932 zogen meine
Eltern mit mir nach Hohen-Neuendorf, dort hatten wir eine sehr schöne Wohnung mit Bad und
Ofenheizung.

Meine Eltern wollten eigentlich 1933 nach Israel auswandern, denn mein Vater war Jude, meine
Mutter evangelische Christin, aber sie hatten kein Geld für die Überfahrt.
1934 wurde ich in die jüdische Mädchenschule eingeschult, das war keine religiöse, sondern eine rein
weltliche Schule.

1936 kam meine Schwester Esther auf die Welt.

1936 fanden die olympischen Spiele statt, an denen ich als Halbjüdin keine Veranstaltung besuchen
durfte.

1938 war dann die Reichsprogromnacht (Ruth verwendet den Begriff „Reichskristallnacht“, hat aber
nichts gegen die Formulierung „Reichsprogromnacht“) am 09.11.1938, die mir sehr einschneidende
Erlebnisse brachte. So wurden wir z. B. in der Schule eingesperrt, die Türen wurden verbarrikadiert
und wir durften nicht raus. Nach ein paar Tagen beruhigte sich das Ganze wieder.

Noch ein Erlebnis:
Auf der Rückfahrt von Mitte nach Hohen-Neuendorf kamen wir zur Kreuzung Wilhelmsruher
Damm/Oranienburger Straße, und da waren schon Scheiben eingeworfen und in der Residenzstraße
sahen wir anderntags an den Scheiben „Kauft nicht bei Juden“ und – ganz furchtbar – „Schlagt die
Juden tot“. Und in der Gartenstraße sahen wir, wie der Mob einen jungen Mann schlug und ihm auf
den Mantel einen Davidstern gemalt hatte. Das war ganz schlimm.

1939 bekamen wir Lebensmittelkarten, aber für Juden nur 2/3 der Ration für Deutsche, wir bekamen
auch andere Ausweise mit einem großen „J“ drauf, später durfte man nur noch mit der Bahn zur
Arbeit fahren, dann musste der Stern getragen werden.

1941 wurde meinem Vater das Angebot vom Rathaus Hohen-Neuendorf gemacht, einen
Arisierungsantrag zu stellen, aber das war eine Täuschung, mit der Beantragung wurde die Ehe
automatisch geschieden und meine Mutter musste mit uns Kindern ausziehen, da sie nicht mit einem
Juden zusammen leben durfte. Mein Vater zog später in eine Laube, von der er 1943 abgeholt wurde.

Meine Mutter hatte dann Kontakt zu einem Herrn Lindenberg, der ihr schöne Augen gemacht hatte,
und der half uns, indem er uns seine Laube anbot, die sich aber als ein etwas besserer
Bretterverschlag herausstellte, fließend Wasser gab es nur aus der Pumpe. In dieser Laube wohnten
wir bis 1945.

Nachdem Herr Lindenberg wieder in Berlin war, hat er meiner Mutter einen Heiratsantrag gemacht
und sie heirateten 1947. Er hatte ein Grundstück im Moorweg, das nach und nach bebaut wurde.

Ich hatte nur viereinhalb Jahre die Grundschule besucht und wollte nach Kriegsende eine
weiterführende Schule besuchen. Das wurde mir aber verwehrt mit der Begründung, als 15jährige
hätte ich keinen Anspruch mehr. Ich habe dann mit Glück eine Ausbildung zur Maßschneiderei
machen können, die ich mit Erfolg abschließen konnte.

1946 lernte ich bei einer Tanzveranstaltung meinen zukünftigen Mann kennen, wir heirateten 1949
(sie holt ein gerahmtes Foto vom Bord und zeigt es mir). Leider starb er 1995.

Insgesamt kamen 15 Familienangehörige im KZ ums Leben.

1951 zogen wir in eine eigene Wohnung, wir lebten sehr sparsam und konnten uns 1953 Motorräder
leisten.

1960 zogen wir in die Straße Am Wechsel, wo ich heute noch wohne.

Und wann bist du in den TVW eingetreten?
1965 kam mein Sohn auf die Welt, und in diesem Jahr trat ich in den Turnverein Waidmannslust ein.
Dort war meine zweite Familie

1972 gründete ich zusammen mit Heinz Liepe die Schwimmabteilung. Und heute leitet meine Enkelin die Schwimmabteilung.

1987 kauften wir uns einen VW-Bus und bauten ihn aus. Später hatten wir dann Wohnmobile. Die
schönste Reise war die nach Island (Ruth steht zwischen 2 großen Fotos, s. oben), ich war aber auch
siebenmal in Israel.

(Auf die Frage, ob sie vom großen Weltgeschehen etwas mitbekommt, antwortet sie entrüstet:
Natürlich, der Angriffskrieg von Putin macht mich wütend!)

Liebe Ruth, ich danke dir sehr für dieses Gespräch.

Das Gespräch wurde von Bernd Gemeinhardt von der Initiative Waidmannslust und 2. Vorsitzender
des TVW am 14.03.2022 in ihrem Haus geführt.

Noch zwei Hinweise: trotz ihres hohen Alters hält Ruth immer noch Vorträge, auch im Pfarrhaus der
Königin-Luise-Kirche am 13.10.2020. Dabei erzählt sie aus ihrem Leben und kann für solche
Veranstaltungen „gebucht“ werden.

Sehr empfehlenswert ist das Buch von ihr:
Ruth Winkelmann: Plötzlich hieß ich Sara. Erinnerungen einer jüdischen Berlinerin 1933 – 1945
Herausgegeben vom Heimatmuseum Reinickendorf, erschienen im Jaron-Verlag